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Tag der offenen Tür

Mit beiden Armen im Öl: Luis Velasquez' Weg ins Studium

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Luis Velasquez auf dem Innenhof am Standort Sonnenstraße der FH Dortmund. Im Wintersemester will er hier sein Studium beginnen. (Foto: FH Dortmund / Tilman Abegg)

Luis Velasquez will an der FH Dortmund Fahrzeugentwicklung (Öffnet in einem neuen Tab)  studieren. Alles andere wäre bei seiner Biografie auch eine Überraschung – sein Leben ist bisher wie an der Schnur gezogen darauf zugelaufen. Dann gerät er in einen Autounfall.

Kurz bevor der LKW plötzlich rüberzog und in die Seite seines Opel Corsa krachte, hatte Luis Velasquez seine Freundin Anna abgeholt. Sie kamen von Dortmund und wollten zu ihm, über die B236, dann bei Schwerte auf die A1 Richtung Unna. Anfang Mai, Freitagnachmittag, die Autos drängelten ins Wochenende, mehr als Tempo 80 war nicht drin, zu viel Verkehr. Von der Beschleunigungsspur der A1 aus sah Luis Velasquez eine Lücke auf der rechten Spur. Der Corsa glitt hinein.
Der LKW links von ihm begann rechts zu blinken.

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Luis Velasquez wurde in eine autobegeisterte Familie hineingeboren.

Eine Kindheit unter der Hebebühne

Ein Blick in den Rückspiegel seines Lebens: Die Ausfahrt zur Welt nimmt Luis Velasquez 2003 in Marburg. Onkel Marcel und Opa Günter verbringen damals viel Zeit in ihrer Garage, sie pflegen und warten zwei BMW, einen E30 aus den 80ern und einen E36 aus den 90ern, zwei ziemlich sportliche Limousinen mit bis zu 330 PS.
Als Luis laufen kann, darf er manchmal mit unter die Hebebühne. Mit vier Jahren hilft er Opa Günter beim Ölwechsel und kommt mit verschmierten Händen und Armen nach Hause.

Mit seinen Eltern zieht der fünfjährige Luis nach Österreich, nach Bregenz am Bodensee, ein paar Jahre später nach Unna. Mit elf beginnt er mit Tennis, trainiert fünfmal pro Woche, spielt Ruhr-Lippe-Liga und Verbandsliga.

In seinem Zimmer hängen zwei Poster, ein BMW M3 E46 (343 PS, 40.000 Euro) und ein Porsche GT3 RS (500 PS, 200.000 Euro), einer seiner Traumwagen. Auf der Playstation spielt er das Autorennspiel Gran Turismo, später Forza Horizon, nicht übers Gamepad, sondern mit einem PC-Lenkrad mit Pedalen und Gangschaltung. Bockschwer.

Als er 13 ist, fährt Onkel Marcel, damals Ingenieur bei General Motors, einen BMW M3 Coupe. Vier Auspuff-Endrohre, mehrere hundert PS, ziemlich laut. Luis ist von dem Klang fasziniert, manchmal darf er mitfahren.
Auf dem Nürburgring darf er das nicht, weil er noch nicht volljährig ist. Stattdessen schaut er zu, wie Onkel Marcel und Opa Günter mit einem Rennfahrer ein paar Runden drehen. In einem Porsche GT3 RS. 
Mit 14 fährt er zum ersten Mal selbst. Unter Aufsicht, auf einem leeren Parkplatz.

Velasquez' Opel Corsa: Ziemlich sportlich ...
... und sieht auch von hinten schnell aus.

Im März 2021 wird er 18, wenige Tage später nimmt er seinen Führerschein in Empfang. Sein Onkel Marcel arbeitet inzwischen als Fahrzeugentwickler bei Opel. Über Marcel kommt er günstig an einen Corsa, neu und anthrazitgrau. Die Ausstattung kann er selbst wählen: Sportfahrwerk, Sportreifen, Sportfelgen. Eine Kurvenlage fast wie auf Schienen.

Praktischer als erwartet

„Ich wollte immer was Technisches studieren“, sagt Luis Velasquez heute. 2020, ein Jahr vor seinem Abitur, recherchiert er im Internet, was die deutsche Hochschullandschaft in diese Richtung hergibt. Er stößt auf den Fachbereich Maschinenbau der FH Dortmund.

Dort findet Velasquez, was er sucht: „Ich hab’ gesehen, dass die FH da auch Fahrzeugentwicklung anbietet. Da habe ich mir auf der FH-Seite erst mal alles dazu durchgelesen.“

Im Januar 2021 stellen die Dortmunder Hochschulen bei den digitalen „Hochschultagen“ ihr Studienangebot vor. In einer Videokonferenz zum Studiengang Fahrzeugentwicklung erfährt Velasquez mehr über die FH Dortmund und aktuelle Anpassungen an die Pandemiesituation: Statt mindestens vier Wochen des zehnwöchigen Praktikums schon vor Studienbeginn zu absolvieren, kann er nun das gesamte Praktikum während des Studiums nachholen. 

Außerdem erfährt er vom Race-Ing-Team (Öffnet in einem neuen Tab)  des Fachbereichs, das mit einem selbst konstruierten und gebauten Formel-E-Wagen an Rennen teilnimmt. „Finde ich ziemlich gut, dass man da abgesehen von den reinen Studiendingen auch mit solchen Sachen zu tun haben kann“, sagt er. „Hatte ich nicht erwartet, dass es da so praktische Sachen gibt."
Seine Entscheidung steht: Zum Wintersemester 2021 will er sich für Fahrzeugentwicklung einschreiben.

Dann knallt's

Zurück zu dem Freitagnachmittag im Mai, auf der A1 Richtung Unna kurz nach der Auffahrt Schwerte. Die zwei Männer im Fahrerhaus des LKW, der nach rechts blinkt, können den Opel Corsa auf der Spur rechts von ihnen nicht sehen. Toter Winkel.
Der LKW drückt die Türen auf der linken Seite des Opel Corsa ein, zerreibt den Außenspiegel, zerklumpt den Kotflügel, quetscht Karosserie und Felgen. Er droht den Corsa von der Fahrbahn zu schieben.
Vielleicht hören die Fahrer des LKW das Knallen und Knirschen. Vielleicht hupt Velasquez laut genug. Der LKW dreht wieder nach links ab.
Velasquez kann die Spur halten. Seine Freundin scheint unverletzt zu sein. Er fährt weiter, so gut das geht mit dem ganzen Körper voll Adrenalin. Nach ein paar hundert Metern eine Ausfahrt, Raststätte Lichtendorf. Im Rückspiegel sieht er den LKW, der ihm folgt. Velasquez lenkt den Corsa auf einen Parkplatz.

Atmen.
Nach rechts schauen: Anna geht’s wirklich gut – Gottseidank!
Was ist mit mir? Kein Blut, keine Schmerzen.
Atmen.

Velasquez trinkt eine Dose Cola. Dann steigen Anna und er aus und entdecken schließlich zwischen vielen anderen parkenden LKW die Fahrer, von denen sie gerade fast in die Leitplanke gedrückt worden sind.
Die Fahrer sagen, Velasquez habe Fahrerflucht begangen, weil er nicht sofort angehalten hatte. Ihre Schuld wollen sie nicht wahrhaben, schimpfen, brechen schließlich die Diskussion ab und fahren davon.

Das war ein Fehler.

Luis Velasquez über seine Entscheidung, zur Polizeiwache zu fahren

Velasquez fährt zur nächsten Polizeiwache. „Das war ein Fehler“, sagt er heute. „Wir hätten direkt die Autobahnpolizei rufen sollen. Die hätten eventuell noch Spuren sichern können oder sowas in der Art.“ Weil er schnell genug zur nächsten Wache gefahren ist, gilt sein eigenes Verhalten nicht als Fahrerflucht. Anders als das der LKW-Fahrer: Gegen sie läuft eine Anzeige.

"Totalschaden", meldet der Gutachter zum Unfallauto.

Der Neue ist schwarz

Noch immer steht der Corsa in der Werkstatt. Ein Sachgutachter meldete sich vor einigen Tagen: Totalschaden, eine Reparatur sei nicht sinnvoll.
Während der zwei Wochen nach dem Unfall, sagt Velasquez, sei ihm das Autofahren nicht leichtgefallen. Besonders in der Nähe von LKW sei er angespannt gewesen.

Aber: Das ist inzwischen weg. Seine Freundin hat ihren Schock und leichte Nackenprobleme überwunden. Die Werks-Versicherung zahlt einen neuen Corsa, gleiche Ausstattung, nur diesmal entschied Velasquez sich für Schwarz.

Luis Velasquez auf dem Tennisplatz.

Und das Wichtigste: Niemand wurde ernsthaft verletzt. 
Hätte die FH einen Fachbereich „Glück“ und einen Studiengang „Mit heiler Haut davonkommen“, dann sollte Luis Velasquez dort nicht studieren, sondern lehren.

Er kann weiter von Montag bis Mittwoch die Kinder des DTC Gartenstadt unterrichten. Wahrscheinlich wird er seine Position in der U18-Rangliste des Deutschen Tennisbundes (aktuell 290) bald verbessern, denn seine Aufschläge werden immer besser, die Asse nehmen zu. Und beim nächsten Besuch auf dem Nürburgring darf er dann mitfahren.

Praktische Fragen, praktische Antworten

Jetzt will sich der 18-Jährige erst mal auf sein Studium vorbereiten. Beim digitalen Tag der offenen Tür (Öffnet in einem neuen Tab)  am Freitag, 11. Juni 2021, will er noch ein paar Details klären. Zum Beispiel, ob er mit einem NC rechnen muss.
Spoiler: Nein, muss er nicht. Der Bachelor-Studiengang Fahrzeugentwicklung ist zulassungsfrei.

Einschub: Was ist der NC?

Einen Numerus Clausus (NC) gibt es bei Studiengängen, wenn wahrscheinlich ist, dass sich mehr Menschen bewerben als Studienplätze vorhanden sind. Für deutlich mehr als die Hälfte der Studiengänge kann die FH Dortmund genug Studienplätze anbieten.
Aber auch bei den Studiengängen mit NC ist eine weniger gute Abitur-Note kein Ausschlusskritierium. Deswegen ist es dem Rektor der FH Dortmund wichtig, zwei Dinge klarzustellen, die vielen nicht bekannt sind:

„Erstens: Der NC ist immer nur ein Erfahrungswert aus dem Semester davor. Das läuft nämlich so: Wenn ein Studiengang 100 freie Plätze hat, dann gehen diese Plätze an die 100 Bewerber*innen mit den besten Abitur-Noten. Die schlechteste dieser 100 Noten stellt den NC dar.
Das bedeutet: Für die aktuelle Bewerbung kann der NC nur als grober Richtwert dienen, denn die Noten der besten Bewerber*innen sind ja nicht mit denen des vergangenen Semesters identisch.

Zweitens: Eine gewisse Anzahl der erfolgreichen Bewerber*innen treten ihre Studienplätze nicht an. Zum Beispiel, wenn sie sich an mehreren Hochschulen erfolgreich beworben haben und sich für eine andere entscheiden. Dann kommen diejenigen mit schlechteren Abi-Noten zum Zuge. Mit Abi-Noten, die deutlich unter dem aktuellen NC liegen können.

Deswegen empfehle ich allen Studieninteressierten: Ob NC oder nicht – bewerben Sie sich in jedem Fall! Denn Ihre Chance ist viel besser, als der NC vermuten lässt.“

Prof. Dr. Wilhelm Schwick, Rektor der FH Dortmund

„Alles weitere zur FH“, sagt Luis Velasquez, „interessiert mich auf jeden Fall auch. Wie es da aussieht. Der Standort ist relativ cool, finde ich. Aber ich möchte gern noch mehr wissen. Ich werde bald den Hauptteil meiner Tageszeit dort verbringen, da bin ich natürlich neugierig, wie es da so ist.“

Der Unfall als Feldforschung

Seine Unfall-Erfahrung wird Velasquez für sein Studium vermutlich praktisch einsetzen können. Denn eins seiner speziellen Interessen in Bezug auf Autos sind elektronische Assistenzsysteme.

Zum Beispiel der Toter-Winkel-Assistent für LKW, der mit Lichtzeichen und Signaltönen den/die Fahrer*in warnt, wenn der Abstand zu einem Auto im Toten Winkel zu klein wird. „Das gibt es schon in manchen LKW“, sagt Velasquez. „Aber, soweit ich weiß, noch längst nicht in allen.“

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Studienfachberater im Fachbereich Maschinenbau:

Allgemeine Studienberaterin mit Schwerpunkt zum Übergang von der Schule zur Hochschule:

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